| Sehr
geehrter Herr Senator Mettbach,
Sie werden in nächster
Zeit die Beseitigung der Verkehrsberuhigung auf der Stresemannstraße
anordnen. Sie wollen damit erreichen, dass wesentlich mehr Verkehr die
Straße passieren kann. Sie gehen davon aus, dass es gut und sinnvoll
für die Stadt, und für die AnwohnerInnen durchaus zu ertragen
sei.
Hier muss ich Ihnen,
Herr Senator Mettbach, öffentlich widersprechen!
Die Folgen Ihrer verkehrspolitischen
Absichten sind eine erhebliche Gefahr für die Lebensqualität,
die Gesundheit und die Sicherheit der Menschen an der Stresemannstraße
und in ihrer Nachbarschaft!
Ich weiß, wovon
ich spreche!
Seit fast einem Vierteljahrhundert
arbeite ich als Pastor in St. Pauli-Nord. Ein wesentlicher Teil meiner
Arbeit orientiert sich an der Verbesserung der prekären Lebensbedingungen
und -verhältnisse im Stadtteil. Seit 1998 bin ich für das Projekt
der Nordelbischen Kirche "Kirche und soziale Stadtteilentwicklung
im Schanzenviertel" verantwortlich.
Ich wurde Anfang der
80er Jahre verstärkt mit der Tatsache konfrontiert, dass Menschen
- vor allem Kinder - auf den Straßen im Wohngebiet tödlich
oder mit schweren und folgenreichen Verletzungen verunglückten. Die
SPD-Fraktion in der Bezirksversammlung Mitte weigerte sich, verkehrsberuhigende
Maßnahmen zum Schutz der Menschen durchzuführen.
Es ist nicht meine
Aufgabe als Pastor, Menschen, die unter die Räder gekommen sind,
nur zu beerdigen. Ich muss zugleich auch Verhältnissen widersprechen
- mit Worten und wenn es sein muss auch mit Aktionen -, die Menschen unter
die Räder kommen lassen. So war ich mitverantwortlich für Proteste
und Verkehrsblockaden gegen die Verkehrspolitik der SPD.Wir waren letztlich
erfolgreich. Heute sind 30er Zonen in Wohngebieten eine Selbstverständlichkeit
geworden. Aber immer noch kamen Menschen unter die Räder - beispielsweise
in der Stresemannstraße.
Am 1.11.1990 nahm
ich an einer Demonstration gegen die "Todesschneise Stresemannstraße"
teil. Ich wollte damit ein Zeichen setzen, dass die verantwortlichen PolitikerInnen
endlich aufwachen. Ihre Antwort war eindeutig und unmissverständlich:
Sie schickten die Polizei und ließen uns strafrechtlich verfolgen.
Ich erhielt einen Strafbefehl. Es kam erst 1992 zu einer Gerichtsverhandlung.
Wegen "Nötigung aus verwerflichen Motiven" musste ich ein
Bußgeld von 1200,00 DM zahlen. Es war eben verwerflich, gegen den
Tod und für das Leben auf der Straße zu demonstrieren!
Am Tag, an dem ich
den Strafbefehl erhielt, starb die kleine Nicola auf der Stresemannstraße.
Ich kam an den Unfallort, als die Polizei die Leiche entfernen ließ.
Die Fahrspur wurde für den Verkehr wieder freigegeben. Autos rollten
über die Splitter des Rücklichts und über den mit Kreide
aufgezeichneten Umriss des verunglückten Mädchens. Neben Entsetzen
und der Tauer empfand ich Wut.
Wut über die
Arroganz der damals herrschenden PolitikerInnen! Sie wussten, dass diese
Straße eine Todesschneise war. Sie wussten, das dieser Tod eines
Tages kommen würde!
Ich hatte Wut über
die Arroganz der Schreibtischtäter, die sich hinter Polizeiknüppel
versteckt. Und jetzt rollt der Verkehr wieder bis zum nächsten Opfer.
Die Leben, die bisher dort vernichtet oder verkrüppelt worden waren,
zählten nichts gegen die Interessen der Wirtschaft. Die PolitikerInnen
vor allem der SPD hatten sich diese zu eigen gemacht: Für den Profit
muss der Verkehr rollen und wenn nötig, auch über Leichen!
Mit zunächst
nur wenigen Menschen demonstrierten wir am Straßenrand gegen diesen
Tod und dagegen, dass wieder die alte Tagesordnung angesagt war, als hätte
es hier keinen Tod gegeben. Mehr und mehr Menschen kamen. Wir gingen auf
die Straße, blockierten sie. Jeden Tag über zwei Wochen lang.
Die anfängliche Antwort des Senats: Betroffenheitsgesülze und
Polizei, die uns vertreiben und strafrechtlich verfolgen sollte. Aber
es kam bekanntlich anders.
Diese Ereignisse und
unser Erfolg sind Ihnen, Herr Senator Mettbach, bekannt. Seitdem ist die
Stresemannstraße in dem beruhigten Teil keine Todesschneise mehr,
die Luft ist nachweislich besser geworden, der Verkehrslärm verringerte
sich.
Anlässlich der
damaligen Demonstrationen nannte ich den verantwortlichen Senator, Herrn
Wagner, "Totmacher", weil seine Verkehrspolitik indirekt den
Tod von Menschen vorantrieb.
Ich gehe davon aus,
dass Sie, Herr Senator Mettbach, mit mir darin übereinstimmen, dass
der höchste Wert, den wir zu fördern, zu schützen, zu bewahren
und zu verteidigen haben, das Leben eines jeden einzelnen Menschen ist.
Dieses Leben ist einmalig. Es ist sozusagen heilig. Dieses unwiederholbare
Leben ist mehr als ein chemisch-biologischer Prozess. Es
soll nach den Wertvorstellungen der jüdisch-christlichen Tradition
auch ein erfülltes Leben sein, das nicht durch Gewalt von Menschen
vor der Zeit beendet oder in seinem Vollzug beeinträchtigt werden
darf. Die Menschenrechte wie auch die Grundrechte des Grundgesetzes sind
ein Zeugnis dieser Wertvorstellungen. Wer sie verletzt, dem muss widersprochen
und gegebenenfalls widerstanden werden!
Ich möchte nicht
alle verkehrstechnischen Argumente gegen Ihr Vorhaben vortragen - sie
sind Ihnen hinlänglich bekannt. Auf einige Gesichtspunkte, die mir
immer wichtig waren, möchte ich allerdings etwas ausführlicher
eingehen:
Am 1. Dezember 2001
las ich in der Frankfurter Rundschau eine Kurzmeldung über eine wissenschaftliche
Untersuchung aus Berlin. Sie kommt zu dem Ergebnis: Armut verkürzt
das Leben! In der Meldung heißt es:
"Arme Menschen
in Deutschland haben eine um etwa sieben Jahre verkürzte Lebenserwartung
als Reiche.n Zudem hätten sie das doppelte Risiko bei Krankheiten,
Unfällen, Übergriffen ..."
Mich hat diese Meldung
nicht überrascht, denn ältere Untersuchungen aus Großbritannien
und Deutschland kommen ebenfalls zu dem Ergebnis:
Wer arm ist, muss
früher sterben!
Sie werden mich nun
fragen, was hat das denn, um Himmelswillen mit Ihren Plänen für
die Stresemannstraße zu tun?
Sehr viel!
Hamburg ist eine in
reiche und arme Wohngebiete gespaltene Stadt. Das Umfeld der Stresemannstraße
zählt zu den ärmsten Gebieten Hamburgs. Die Armutsberichte und
Untersuchungen zur Gesundheit in Hamburg belegen eindeutig, dass auch
für diese überaus reiche Stadt gilt:
Wer arm ist, muss
früher sterben!
Dafür gibt es
viele Ursachen - eine davon ist der Verkehr, für den Sie, Herr Senator
Mettbach, nun politisch verantwortlich sind! Ihnen und Ihrer Behörde
ist sicherlich bekannt,
dass Kinder in ärmeren
Wohngebieten zu 40% häufiger Opfer schwerer Unfälle werden als
Kinder, die in den reichen und wohlhabenden Wohngebieten aufwachsen können.
Menschen kommen aber
nicht nur direkt mit dem Körper unter die Räder!
Ihnen und Ihrer Behörde
ist sicherlich bekannt,
dass Kinder im Schanzenviertel
und St. Pauli häufiger und schwerer unter Krankheiten wie beispielsweise
Atemwegserkrankungen leiden als Kinder in den reichen und wohlhabenden
Gebieten. Die Ursachen sind im Wesentlichen die Abgase.
dass Spurenwerte von
Blei im Blut die Blutbildung negativ beeinflussen. Stickoxyde können
bei Dauerbelastung zu chronischen Schäden der Atemorgane führen.
Kohlenmonoxyd verringert die Sauerstoffaufnahme im Blut. Benzol kann Krebs
hervorrufen.
dass die Unterversorgung
mit ausreichenden Flächen am Haus oder in der unmittelbaren Nähe
vielfältigen Krankheiten aufgrund des Bewegungsmangels führt.
dass der Verkehrslärm unabsehbare psychische und physische Folgen
hat. Es drohen erhöhte Gesundheitsgefahren wie beispielsweise Nervosität,
Schlafstörungen, Herz-Kreisauf-Erkrankungen.
Was den Menschen -
vor allem den Kindern - auch mit dem Verkehr angetan wird, ist brutale
Gewalt! Sie können sich der aufgrund ihrer sozialen Situation nicht
entziehen. Sie schicken sich nun an diese Gewalt zu mehren!
Sie und Ihre Koalition
wollen Gewalt bekämpfen. Bleiben Sie glaubhaft!
Es ist nicht zu bestreiten:
Kinder, die im Umfeld
der Stresemannstraße - im Schanzenviertel und St. Pauli - aufwachsen,
haben eine erheblich kürzere Lebenserwartung als Kinder in Othmarschen
oder den Walddörfern - und das bei schlechterer Lebensqualität
und häufigeren und schwereren Erkrankungen.
Für diesen zum
himmelschreienden Skandal sind nicht Sie und die Koalition verantwortlich
zu machen. Vor allem die SPD und ihre jeweiligen Koalitionspartner haben
durch ihre Politik die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben und zu
verantworten. Die Spaltung in Reiche und Arme und damit die Spaltung in
Hinblick auf die Lebenserwartung, Gesundheit und Lebensqualität
Aber Sie, Herr Senator
Mettbach, und Ihre Koalition schicken sich an, diese Spaltung auch durch
verkehrspolitische Entscheidungen zu vertiefen.
Deshalb appelliere
ich an Ihr Gewissen, Herr Senator Mettbach:
Werden Sie nicht zum
Mittäter derjenigen, die bisher dafür verantwortlich sind, dass
Arme weiterhin früher sterben müssen als Reiche
Missbrauchen Sie nicht
Ihre politische Macht gegen die Lebensinteressen der Menschen an und im
Umfeld der Stresemannstraße!
Mehren Sie nicht die
Gewalt gegen die Wohnbevölkerung!
Lassen Sie Ihre verkehrspolitischen
Vorstellungen und die der Koalition nicht mit dem Polizeiknüppel
und Strafanzeigen durchzusetzen!
Sie allein entscheiden,
ob Sie sich nun auch in die Reihe derer stellen wollen, die durch ihre
Verkehrspolitik dazu beitragen, dass der direkte oder indirekte Tod von
Menschen vorangetrieben wird.
Mit freundlichem Gruß
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